Initiative Erinnern und Gedenken Sangerhausen
Rundbrief 11 / September 2020
  1. Dessau 1 - neues Poster der Synagogen-Serie erschienen
  2. Paul Becks vergessene Mitstreiter
  3. Rezension: Minima Judaica 7
  4. Ist Kritik an Israel verboten? Ein offener Brief an Bundeskanzlerin Merkel
  5. Veranstaltungshinweise und Termine
 
 
1.  Neues Poster erschienen
 
 
Das Poster Dessau (1) führt zu den Anfängen der Jüdischen Aufklärung (Haskala). Im Zentrum steht des Wirken von Moses Mendelssohn  sowie die Zeitschrift Sulamith. Zu sehen ist das Poster in Rathäusern, Jugendclubs und Schulen des Landkreises MSH.
 
 
2.  Paul Beck starb vor 80 Jahren
 
 
Paul Beck ist in Sangerhausen bekannt geblieben als engagierter kommunistischer Stadtrat, der vor 1933 mit einer selbsthergestellten Zeitung "Alarm" vor dem heraufziehenden Nationalsozialismus warnte.
Er wurde unmittelbar nach der Machtübernahme für mehrere Monate in das KZ Lichtenburg  verschleppt und organisierte nach seiner Freilassung die illegale Arbeit der Kommunisten in Sangerhausen.
 
Mehr über Paul Beck
 
Ähnlich wie bei den Sozialdemokraten um Franz Heymann und Fritz Faust konzentrierte sich der Widerstand der Sangerhäuser Kommunisten auf die Verteilung von Informationsmaterialien und den Zusammenhalt unter örtlichen Hitlergegnern. 1935 fällt die Gruppe Paul Beck durch Verrat in die Hände der Gestapo. Ein schnell anberaumtes Gericht wertet ihre Tätigkeit als "Vorbereitung zum Hochverrat" und spricht Zuchthausstrafen bis zu 5 Jahren aus.
 
 
Die Verurteilten kamen in das berüchtigte Zuchthaus Kassel-Wehlheiden. Hier starb Paul Beck an seinem 40. Geburtstag am 26. Februar 1940. Er war Invalide aus dem Ersten Weltkrieg, die Haft wird ihn zusätzlich geschwächt haben. Aber schon unmittelbar nach Bekanntwerden seines Todes wurde von einer Ermordung gesprochen, weil seine Entlassung kurz bevorstand und er als führender Kopf galt..
Die Erinnerung an Paul Beck ist lebendig geblieben, aber wenig wissen wir über seine Mitstreiter, von denen die meisten überlebten, aber nach 1945 über ihren Kampf und ihre Erfahrungen nicht befragt wurden. Über Kurt Block berichten wir.demnächst.
Wer kann Auskunft geben über Karl Wiebach, Paul Franzke, Wilhelm Rumpf und Willi Römer?
 
 
3.  Minima Judaica 7 - für uns ein ganz wichtiges Buch
 
Wer nach wissenschaftlichen Erkenntnissen über Judentum in unserer Region sucht, stößt in diesem
 
Buch auf eine Fundgrube. Die Autoren der 14 Einzelbeiträge über jüdische Lebenswelten in Mitteldeutschland gehören alle der auf diesem Gebiet tonangebenden wissenschaftlichen „community“ an. Sie ist international zusammengesetzt. Giuseppe Veltri (* 1951), einer der beiden Herausgeber, studierte am päpstlichen Bibelinstitut, war von 1997 bis 1914
 
Zur Verlagsinformation
 
Professor für jüdische Studien in Halle und lehrt heute Religionswissenschaften in Hamburg. Christian Wiese (* 1961) ist protestantischer Theologe und leitet neben Lehrstühlen in England, Kanada und Irland das renommierte Salomon-Ludwig-Steinheim-Institut an der Universität Duisburg. Stefan Wendehorst von der Historischen Kommission der Österreichischen Akademie der Wissenschaften resümiert einleitend den Wissensstand über die „Geschichte der Juden in Mitteldeutschland“ und muss feststellen, dass Juden in der offiziellen Landesgeschichte universitärer und staatsnaher Institute so gut wie nicht vorkommen. Das war vor 1933 der Fall und änderte sich auch nach 1945 nicht. „Weder für die Regionalgeschichtsforschung in der DDR noch für die westliche Mitteldeutschlandforschung waren die historischen jüdischen Lebenswelten von Interesse.“ (S. 29 f.) Selbst in den nach 1989 erschienenen Darstellungen seien sie nicht oder nur oberflächlich berücksichtigt worden. Günstiger ist das Bild auf unterer Ebene wie in stadtgeschichtlichen Forschungen, und hier liefert der Beitrag aus Wien indirekt eine wertvolle Bibliographie, die man bislang vergeblich suchte.
Mitteldeutschland hat jüdische Persönlichkeiten hervorgebracht oder beherbergt, die Bedeutendes in Kultur und Wirtschaft geleistet haben, darunter auch solche, die für das Judentum weltweit Bedeutung hatten. Die Beiträge kreisen um jüdische Reformer wie Moses Mendelssohn, Leopold Zunz, Ludwig Philippson, aber auch Gegenspieler wie Esrail Hildesheimer werden behandelt. Wir hatten einige dieser Personen auf unseren Wandtafeln schon kurz vorgestellt, wer in dieser Publikation über sie weiterliest, wird mit neuen Erkenntnissen reich beschenkt.
In Mitteldeutschland gab es früh jüdische Druckereien, das wird ausführlich gewürdigt, die Universität Halle war seit dem 19. Jh. Anziehungspunkt für angehende Rabbiner, die Bibliotheksbestände sind durch Neuerwerbungen für das Fach Judaistik und eine Regionalforschung ohne Scheuklappen gut gerüstet. Auch spezielle Institute wie das Leopold Zunz Zentrum in Halle und ähnliche Einrichtungen an den Universitäten Leipzig und Erfurt wurden gegründet, ohne allerdings größeren Einfluss auf die öffentliche Wahrnehmung zu finden. Woran es zu fehlen scheint, ist ein originäres, nicht von oben aufgesetztes Interesse der Mehrheitsbevölkerung an der Eigenheit und dem kulturellen Beitrag nicht nur der Juden, sondern von Minderheiten und Zuzüglern überhaupt - ein Problem, das sich in einer zunehmend globalisierten Gesellschaft noch verschärfen könnte.   Peter Gerlinghoff
 
 
4.  Ist Kritik an Israel verboten?
 
 
Prominente israelische und deutsch-jüdische Intellektuelle haben sich mit einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel gewandt. Darin heißt es u.a.:
 
Unsere Sorge gilt der drohenden Annexion palästinensischer Gebiete durch Israel sowie dem inflationären, sachlich unbegründeten und gesetzlich unfundierten Gebrauch des Antisemitismus-Begriffs, der auf die Unterdrückung legitimer Kritik an der israelischen Regierungspolitik zielt. Unsere Sorge ist besonders groß da, wo diese Tendenz mit politischer und finanzieller Unterstützung des Antisemitismusbeauftragten gefördert wird.
 
Hintergrund ist die wiederholte Durchsetzung von Auftrittsverboten von israelischen Kritikern der israelischen Regierungspolitik sowie die Diffamierung ähnlich Argumentierender als "Antisemiten". Die Sorge ist umso berechtigter, als rigides und demokratiefeindliches Vorgehen negative Wirkungen hat und dem Antisemitismus in Deutschland weiteren Auftrieb verleihen kann. In keinem Fall trägt es zu einem objektiven Bild Israels bei.
 
 
5.  Veranstaltungshinweise
 
22. September, 15:30 Uhr: Konzert mit Prof. Ulrich von Wrochem (Bratsche) - selten zu hörende jüdische Musik. Ehemalige Synagoge in Eisleben, Lutherstraße. Anmeldung erforderlich: 0177 7274431.
24. September 2020, 19:00 Uhr: Vortrag von Werner Treß "Bücherverbrennungen 1933 - Mit Feuer gegen die Freiheit des Geistes". Mit originalen Filmaufnahmen der Bücherverbrennung in Halle. gezeigt. BLECH - Raum für Kunst, Halle, Am Steintor 19
01. Oktober, 19 Uhr: Lesung und Diskussion "Die Zeugen haben das Wort..." Das Geschehen in um die Synagoge in Halle am 9. Oktober 2020 vor dem Landgericht in Magdeburg.  "Oase" Sangerhausen, Kornmarkt 3, Initiative Erinnern und Gedenken.
 
 
Diese E-Mail wurde an p.gerlinghoff@t-online.de versandt.
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